Schliersee, Sommer 1965
öffentlichausführlichPapa hat mir am Schliersee das Schwimmen beigebracht. Er war vierzig, ich war sieben, und ich hielt mich mit beiden Händen an seinem Hals fest. «Papa, halt mich!» rief ich, wenn das Wasser bis zu den Schultern stand. Er antwortete: «Ich halte dich. Ich werde dich immer halten — auch wenn ich nicht mehr zu sehen bin.» Fünfzig Jahre sind vergangen; er ist 2003 gestorben. Ich höre sein «ich halte dich» bis heute — jedes Mal, wenn die Enkel in Schulbüchern, in der ersten Liebe, in Zweifeln versinken.
Schliersee war damals kein Kurort. Es war ein dunkles Haus mit Strom nur im Keller, einem Holzofen, dem Knarren der Kiefern. Papa ging am liebsten morgens vor der Hitze mit mir ins Wasser. Erst bis zu den Knöcheln. Dann bis zu den Knien. Dann hockte er sich hin und nahm mich unter den Armen. «Lass uns nicht lange fragen — gleich.» Und hob mich ins Wasser.
Ich erinnere mich an den Geruch seiner Haut — nach Tabak, mit etwas anderem, das ich erst später, mit achtzehn, im Geschäft erkannte: das alte Eau de Cologne 4711. Ich erinnere mich, wie er lachte, wenn ich auf seinen Rücken sprang, und flüsterte: «Leise, wir verschrecken die Fische.» Obwohl im Schliersee damals fast keine Fische mehr waren — die wurden am Wochenende von Touristen aus München weggefangen.
An jenem letzten Tag in Schliersee war ich sieben und schwamm schon allein. Papa stand am Ufer mit dem Handtuch. Ich schwamm zu ihm, tauchte, kam wieder hoch, hielt mich für erwachsen. Er rief: «Siehst du, Maria? Ich hab's dir gesagt — du wirst schwimmen.» Ich antwortete nichts. Ich höre dieses «siehst du, Maria?» bis heute — jedes Mal, wenn mir etwas gelingt, von dem ich nicht dachte, dass ich es kann.
