Anna kam im März 1953 in Heidelberg zur Welt, als Tochter eines Arztes und einer Bibliothekarin. Bücher standen in jedem Zimmer — sogar in der Küche, auf der Fensterbank neben den Zwiebeltöpfen. Der Vater las ihr Schiller vor, die Mutter die Märchen der Brüder Grimm. Mit sieben kannte Anna den »Erlkönig« auswendig.
1964 kam sie aufs Gymnasium in Heidelberg. Lehrer bemerkten ihre Aufmerksamkeit für Details und eine bei Jugendlichen seltene Geduld für lange Sätze. Nach dem Abitur 1971 schrieb sie sich an der Universität Heidelberg für Germanistik ein — gegen den leisen Rat der Mutter, die ihr zur Medizin geraten hatte. Im zweiten Studienjahr las sie zum ersten Mal Hesses »Steppenwolf« und trennte sich nie wieder von ihm.
Nach dem Diplom 1976 unterrichtete Anna ein Jahr lang an einer kleinen Schule in Tübingen. Dort lernte sie Thomas Wagner kennen, einen Konstruktionsingenieur, vier Jahre jünger als sie. Sie heirateten 1979 in einer schlichten Trauung im Standesamt — Anna mochte keine überflüssigen Zeugen. 1981 kam Lara zur Welt, 1984 Markus.
Achtundzwanzig Jahre lang unterrichtete Anna deutsche Literatur am Hänsel-Brandenburg-Gymnasium. Ihre Schüler erinnern sich, dass es im Unterricht immer still war — nicht aus Furcht, sondern weil es ihr gelang, den Wörtern ihr ursprüngliches Gewicht zurückzugeben. »Sie hat Rilke gelesen, als säße er im Zimmer«, schrieb einer ihrer ehemaligen Schüler 2024.
2003 zog die Familie nach Freiburg — Thomas wurde Cheftechniker eines örtlichen Werks. Anna fand eine Stelle am Goethe-Gymnasium und unterrichtete weitere acht Jahre. Im Ruhestand leitete sie einen Lesekreis für Rentner und las den Enkeln — Felix, Mari und Jonas — jeden Sommer vor, wenn sie zu Besuch waren.
2018 starb Thomas an einem Herzinfarkt. Danach lebte Anna allein in der Freiburger Wohnung. Lara kam alle zwei Wochen mit der Familie, Markus rief jeden Sonntag aus Zürich an. Anna las weiter, immer wieder, und führte einen Briefwechsel mit zwei Schülerinnen aus den achtziger Jahren, die ihre lebenslangen Freundinnen geworden waren.
Im September 2024 erhielt sie die Diagnose. Sie lehnte die Chemotherapie ab — »ich habe eine gute Zeit, die muss ich nicht verderben«. Die letzten sechs Wochen verbrachte sie zu Hause, mit Büchern auf dem Nachttisch und Hesse auf dem Schoß. Anna starb am 14. November 2024 um 6:42 Uhr morgens, im Beisein ihrer Tochter, ihres Sohnes und der drei Enkel. Bei der Beerdigung las Lara jenen Abschnitt aus dem »Steppenwolf« — den, den Anna auswendig kannte.


