Neunhundert Briefe an Martha
Martha Bernays lernte ich im April 1882 kennen, als sie mit meinen Schwestern zu uns kam. Zwei Monate später machte ich ihr einen Antrag. Dann — vier Jahre Verlobung und beinahe neunhundert Briefe. Sie lebte mit ihrer Mutter in Wandsbek bei Hamburg, ich machte mir in Wien einen N…
Charcot und das Amphitheater der Salpêtrière
Im Herbst 1885 gewann ich ein Reisestipendium und ging für vier Monate nach Paris — ein Studienaufenthalt bei Jean-Martin Charcot in der Salpêtrière. Mein Französisch war mangelhaft, und unter den Pariser Neurologen verlor ich mich anfangs. Doch Charcot nahm mich auf. Jeden Freit…
Ein Gramm Kokain aus Darmstadt
Im April 1884 bestellte ich aus Darmstadt ein Gramm Kokain — eine Substanz, von der in Europa fast niemand etwas wusste. Ich experimentierte an mir selbst: ich maß Puls, Dosis, Wirkung gegen Müdigkeit. Im Juli veröffentlichte ich »Über Coca« und empfahl Kokain bei Depression, See…
Sophie und die Spanische Grippe
Sophie war meine dritte Tochter, verheiratet mit Max Halberstadt in Hamburg. Zwei Söhne, eine dritte Schwangerschaft. Am 25. Januar 1920 erkrankte sie an einer Lungenentzündung — die zweite Welle der Spanischen Grippe. Ein Schneesturm hatte die Züge angehalten; wir kamen nicht re…
Dreiunddreißig Operationen
Im April 1923 bemerkte ich eine Verhärtung am Gaumen — rechts, auf der Seite, an der ich rauchte. Felix Deutsch, Freund und Arzt, untersuchte mich und sagte mir nicht die Wahrheit. »Leukoplakie«, sagte er. »Geben Sie die Zigarren auf.« Ich wusste, dass es Krebs war. Ich gab sie n…
»Anschluss« und Annas Verhör
Am 12. März 1938 überschritt Hitler die österreichische Grenze. Zwei Tage später fuhr er unter Beifall in Wien ein. Am 15. März kamen sie in unser Haus an der Berggasse. Zuerst — SA-Männer, sie nahmen einen Teil des Geldes mit und drohten mit Verhaftung. Dann — die Gestapo, sie d…
Mit dem Zug über Paris nach London
Am 4. Juni 1938 verließen wir Wien. Anna, Martha, Minna (Marthas Schwester), unsere Haushälterin Paula, Lün und ich. Mit dem Zug über Paris nach London. Marie Bonaparte, meine Schülerin, zahlte den Nationalsozialisten die »Reichsfluchtsteuer« und half drei Monate lang mit den Pap…
Die drei Spritzen Schurs
Mitte September 1939 hatte sich der Krebs durch die Wange nach außen gefressen. Die Wunden eiterten und stanken. Jofi wollte das Zimmer nicht mehr betreten. Am 21. September bat ich Max Schur, an unsere Abmachung von 1929 zu erinnern — damals, als er mein Arzt wurde, hatte ich ih…