Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Příbor geboren, einer kleinen mährischen Stadt, damals Teil des Österreichischen Kaiserreichs. Sein Vater Jakob war Wollhändler und in zweiter Ehe verheiratet; seine Mutter Amalia war zwanzig Jahre jünger als er. Die Familie zog zunächst nach Leipzig, 1860 dann nach Wien — die Stadt, in der Freud die folgenden achtundsiebzig Jahre leben sollte.
An der Universität Wien studierte Freud von 1873 bis 1881 Medizin — länger als üblich, denn er ließ sich Zeit und vertiefte sich in die neurologische Laborarbeit bei Ernst Brücke. 1885 verbrachte er vier Monate in Paris bei Charcot und studierte Hysterie und Hypnose. Es war die erste Begegnung mit dem Gedanken, dass psychische Symptome eine nicht-physische Ursache haben können — und sie wurde zum Ausgangspunkt von allem.
1886 heiratete er Martha Bernays — nach vier Jahren Verlobung und annähernd neunhundert Liebesbriefen. Sie bekamen sechs Kinder: Mathilde, Jean-Martin, Oliver, Ernst, Sophie und Anna. Anna, die jüngste, wurde die einzige, die in die Fußstapfen des Vaters trat — und die einzige, mit der Freud 1938 nach London ging.
1900 veröffentlichte er »Die Traumdeutung« — ein Buch, das in den ersten sechs Jahren in winziger Auflage verkauft wurde und dann das zwanzigste Jahrhundert prägte. Als Freud 1909 mit Vorträgen an die Clark University in Massachusetts kam, hatte die Psychoanalyse bereits Schüler in ganz Europa. Bis 1923 folgten Institute, Zeitschriften, Zerwürfnisse — mit Jung, mit Adler — und schließlich seine eigene Diagnose: Gaumenkrebs.
Von 1923 bis zu seinem Tod unterzog sich Freud dreiunddreißig Operationen am Kiefer. Er rauchte weiter. Berggasse 19 — seine Wiener Wohnung und Praxis — blieb das Zentrum der psychoanalytischen Welt: die berühmte Couch mit dem persischen Teppich, eine Sammlung von rund zweitausendfünfhundert antiken Statuetten in den Regalen, der Chow-Chow Jofi zu Füßen der Patienten.
Im März 1938, wenige Tage nach dem »Anschluss«, durchsuchte die Gestapo die Wohnung der Freuds. Anna wurde zum Verhör abgeholt. Marie Bonaparte, Freuds Schülerin und enge Freundin, zahlte den Nationalsozialisten die »Reichsfluchtsteuer« und half, die Ausreise zu organisieren. Am 4. Juni 1938 verließen die Freuds Wien mit dem Zug, über Paris nach London. Vier von Freuds fünf Schwestern — Adolfine, Rosa, Marie und Pauline — wurde die Ausreise von den nationalsozialistischen Behörden verweigert. Alle vier wurden vom NS-Regime in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz zwischen 1942 und 1944 ermordet.
Die letzten fünfzehn Monate verbrachte Freud in Hampstead, im Haus 20 Maresfield Gardens. Er empfing Patienten bis Juli 1939. Im September wurden die Schmerzen unbeherrschbar. Sein Arzt Max Schur, dem Freud 1929 das Versprechen abgenommen hatte, ihn am Ende nicht länger leiden zu lassen als nötig, verabreichte ihm zwischen dem 21. und 23. September drei Morphiumspritzen. Freud starb am 23. September 1939 um drei Uhr morgens.
Freud hinterließ vierundzwanzig Bände der englischen Standard Edition, eine Bewegung, die sich seitdem in Dutzende Schulen aufgespalten hat, und eine Sprache, in der das zwanzigste Jahrhundert über sich selbst nachdachte. Anna Freud führte seine Arbeit fort: sie begründete die Kinderpsychoanalyse und arbeitete während des Londoner Blitz mit traumatisierten Kindern. Das Haus in Maresfield Gardens ist heute das Freud Museum, der Öffentlichkeit zugänglich.

